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Was queer bedeutet: ein zurückerobertes Wort, seine Geschichte und wie es heute verwendet wird

Warum queer früher ein Schimpfwort war, wie Aktivistinnen und Aktivisten es sich zurückholten, wie es heute verwendet wird und woran du erkennst, wann es respektvoll ist.

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Ein Stern aus zerrissenem Papier, aufgeklebt auf ein Raster aus geraden Linien
Imagem: universe.gay

Queer ist ein Wort, mit dem sich viele LGBTQIA+-Menschen beschreiben, wenn sie nicht heterosexuell, nicht cisgeschlechtlich oder beides nicht sind. Manche verwenden es als weiten Oberbegriff für die ganze Community. Andere als genaue persönliche Identität, weil speziellere Bezeichnungen sich zu eng anfühlen. Für viele trägt das Wort außerdem eine politische Idee: die Annahme abzulehnen, dass alle in eine einzige „normale“ Art passen müssten, zu lieben, zu begehren oder ihr Geschlecht zu leben.

Die kurze Antwort lautet also: Queer bedeutet Unterschiedliches, je nachdem, wer es sagt und warum. Das ist keine Schwäche des Wortes. Genau deshalb ist es nützlich geworden. Die lange Antwort führt über ein Schimpfwort, einen bewussten Akt der Rückeroberung und ein paar respektvolle Gewohnheiten, an denen du erkennst, wann das Wort in ein Gespräch passt.

Von „seltsam“ zum Schimpfwort

Im älteren Englisch bedeutete queer seltsam, ungewöhnlich oder schief. Ein queeres Gefühl war ein merkwürdiges Gefühl, eine queere Situation eine rätselhafte. Die genaue Herkunft ist unsicher; Wörterbücher bringen das Wort oft mit dem deutschen „quer“ und ähnlichen Wörtern für schräg oder verdreht in Verbindung.

Ab dem späten 19. Jahrhundert wurde queer zu einem verbreiteten Schimpfwort gegen Männer, die man für schwul hielt, und später gegen alle, die scheinbar sexuelle oder geschlechtliche Normen brachen. Es wurde auf der Straße gerufen, in Zeitungen gedruckt und benutzt, um Gewalt und Ausgrenzung zu rechtfertigen. Für Menschen, die diese Zeit erlebt haben, kann das Wort bis heute die Erinnerung daran wecken, Zielscheibe gewesen zu sein.

Diese Geschichte ist wichtig, weil sie erklärt, warum die Reaktionen auf das Wort so verschieden sind. Zwei Menschen mit derselben Identität können es ganz unterschiedlich hören. Die eine hört Stolz. Der andere hört die Stimme von jemandem, der ihn einmal bedroht hat.

Wie Aktivistinnen und Aktivisten das Wort zurückholten

Ende der 1980er- und Anfang der 1990er-Jahre, mitten in der Aids-Krise, begannen einige Aktivistinnen und Aktivisten, queer absichtlich zu verwenden. Gruppen in den USA und im Vereinigten Königreich, darunter die 1990 in New York gegründete Queer Nation, wählten das Schimpfwort als Namen. Ein Flugblatt mit dem Titel „Queers Read This“ („Queers, lest das“), das im selben Jahr bei einer Pride-Demonstration verteilt wurde, erklärte, dass man mit dem Wort eine Waffe in etwas verwandelte, das die Community selbst kontrollierte.

Ein Wort zurückzuerobern löscht seine Geschichte nicht aus. Es verändert, wer die Macht hat, es zu benutzen, und mit welcher Bedeutung. Wenn eine Community ein früheres Schimpfwort für sich selbst verwendet, sagt sie: Mit diesem Wort kannst du uns nicht mehr verletzen, denn wir haben es zu unserem gemacht.

Etwa zur selben Zeit begannen Universitäten, von Queer Theory zu sprechen. Forschende untersuchten damit, wie Vorstellungen von „normaler“ Sexualität und „normalem“ Geschlecht entstehen, durchgesetzt und hinterfragt werden. Diese akademische Verwendung ist eine weitere Schicht. Du musst keine Theorie lesen, um dich queer zu nennen, und wer sich queer nennt, verpflichtet sich zu keiner bestimmten Theorie.

Vier häufige Verwendungen von queer heute

Es hilft, die wichtigsten Verwendungen zu trennen, denn Verwirrung entsteht meist, wenn sie vermischt werden.

Verwendung Bedeutung Beispiel
Oberbegriff Alle Menschen, die nicht heterosexuell und/oder nicht cis sind „Das Festival zeigt Filme queerer Regisseurinnen und Regisseure aus zwölf Ländern.“
Persönliche Identität Die eigene Bezeichnung für Orientierung, Geschlecht oder beides „Ich bin queer. Ich muss das nicht genauer benennen.“
Politische Haltung Starre Normen zu Sexualität, Geschlecht und Familie infrage stellen „Unser Kollektiv ist queer, nicht bloß schwulenfreundlich.“
Wissenschaftliches Feld Queer Theory und Queer Studies „Sie schreibt ihre Abschlussarbeit in Queer Studies.“

Ein einziger Satz kann sich auf mehrere dieser Bedeutungen stützen. Jemand kann sich queer nennen, weil die eigene Anziehung in keine Kategorie passt, und gleichzeitig, weil das Wort Normen herausfordert.

Warum jemand queer statt einer genaueren Bezeichnung wählt

Menschen entscheiden sich aus vielen praktischen Gründen für queer. Hier einige der häufigsten:

  • Die Anziehung passt in keine Schublade. Jemand fühlt sich vielleicht zu Menschen mehrerer Geschlechter hingezogen, auf eine Weise, die sich mit der Zeit verändert, und möchte sich nicht zwischen bisexuell, pansexuell oder einem anderen Wort entscheiden.
  • Geschlecht und Orientierung hängen zusammen. Eine nicht-binäre Person merkt vielleicht, dass Wörter wie schwul oder lesbisch auf einem Zweiersystem beruhen, das sie nicht erlebt; queer passt dann besser.
  • Sie möchte Privatsphäre. Queer sagt „Ich gehöre zu dieser Community“, ohne Details zu erklären. Das kann eine hilfreiche Grenze bei der Arbeit oder unter Bekannten sein.
  • Sie ist noch auf der Suche. Queer kann ein angenehmer Standpunkt sein, während man herausfindet, was sich stimmig anfühlt, ohne Druck, sich schnell festzulegen.
  • Sie mag die Geschichte des Wortes. Für manche sind gerade die aktivistischen Wurzeln der Grund.

Keiner dieser Gründe macht queer mehr oder weniger gültig als andere Identitäten. Ein schwuler Mann, der sagt „Ich bin schwul, nicht queer“, beschreibt sich ebenfalls zutreffend. Unser Ratgeber zu was LGBTQIA+ bedeutet erklärt, wie die verschiedenen Buchstaben zusammenleben, ohne austauschbar zu werden.

Wann ist es respektvoll, das Wort zu benutzen?

Das ist die Frage, die die meisten wirklich haben. Ein paar einfache Grundsätze helfen.

Folge den Worten der Person. Wenn dir jemand sagt, er oder sie sei queer, kannst du die Person als queer beschreiben. Wenn jemand sagt, sie sei lesbisch, sag lesbisch. Ersetze ihr Wort nicht durch deins, nur weil du es moderner oder inklusiver findest.

Achte auf den Rahmen. Als Oberbegriff ist queer inzwischen in vielen Organisationen, Festivals und Medien üblich, im Deutschen sogar besonders verbreitet. Anderswo, vor allem bei älteren Menschen oder in Gruppen, die kürzlich angefeindet wurden, kann LGBTQ+ oder ein konkreter Begriff sicherer sein. Wenn sich eine Veranstaltung queerer Filmabend nennt, ist das Wort dort eindeutig willkommen.

Achte auf den Ton. Dasselbe Wort kann liebevoll oder feindselig sein. „Meine queeren Freundinnen kommen zum Essen“ und ein Wort, das aus einem Auto gebrüllt wird, sind nicht dieselbe Handlung, auch wenn die Buchstaben gleich sind. Wenn du nicht zur Community gehörst, benutze queer nicht als Witz, nicht als Adjektiv für Dinge, die du komisch findest, und nicht als Etikett für Menschen, die es selbst nicht verwendet haben.

Akzeptiere Einwände. Wenn dir jemand sagt, dass er das Wort nicht mag, musst du nicht über seine Geschichte diskutieren. Du kannst sagen „Danke, mit dir spreche ich dann von LGBTQ+“ und das Gespräch fortsetzen.

Ein nützlicher Test: Ergibt dein Satz noch Sinn, wenn du queer durch „LGBTQ+“ oder durch die konkrete Identität der Person ersetzt? Wenn ja und die Person oder Gruppe selbst queer verwendet, benutzt du es wahrscheinlich richtig. Wenn der Satz nur funktioniert, weil das Wort provokant oder seltsam klingt, überdenke ihn.

Das Q in LGBTQ kann zweierlei bedeuten

In der Abkürzung LGBTQ wird das Q oft als queer gelesen. Es kann auch questioning bedeuten, also Menschen, die ihre Orientierung oder ihr Geschlecht gerade erkunden. Manche Organisationen schreiben LGBTQQ, um beides einzuschließen. Keine Lesart ist falsch. Das Pluszeichen, das oft folgt, erinnert daran, dass keine Abkürzung alle Identitäten aufzählt.

Wenn du dich gerade fragst, wer du bist, musst du weder queer noch eine andere Bezeichnung annehmen, solange du es herausfindest. Manche gehen über queer zu einem anderen Wort. Manche bleiben ein Leben lang dabei. Manche verwenden es nie. Unser Ratgeber zu sexueller Orientierung, Geschlechtsidentität und Ausdruck trennt die Fragen, die sich Menschen beim Erkunden meist stellen.

Queer in anderen Sprachen und Ländern

Das Wort ist weit über das Englische hinausgewandert. Im Deutschen ist queer heute ein sehr gebräuchlicher Oberbegriff im Alltag und in den Namen vieler Vereine und Beratungsstellen. In vielen spanischsprachigen Teilen Lateinamerikas schreiben manche Aktivistinnen und Aktivisten cuir, passen das englische Wort also an die eigene Aussprache an und geben ihm eine eigene politische Bedeutung. In Brasilien wird queer neben älteren portugiesischen Wörtern benutzt, die sich die Community ebenfalls zurückgeholt hat, etwa bicha und sapatão: liebevoll unter Gleichgesinnten, beleidigend aus dem Mund von Außenstehenden. Auch im Deutschen haben sich viele das frühere Schimpfwort „schwul“ so erfolgreich zurückgeholt, dass es heute eine ganz normale Selbstbezeichnung ist.

Das zeigt zweierlei. Erstens ist das Zurückerobern von Schimpfwörtern in vielen Sprachen eine verbreitete Strategie, nicht nur im Englischen. Zweitens kann ein Lehnwort an einem Ort akademisch oder fremd klingen und anderswo völlig alltäglich. Wenn du mit Menschen aus einem anderen Land sprichst, ist es fair zu fragen, welche Wörter sich für sie natürlich anfühlen.

Häufige Missverständnisse

„Queer ist nur ein trendiges Wort für schwul.“ Es kann schwule Menschen einschließen, ist aber kein Synonym. Eine bisexuelle Frau, eine asexuelle Person oder ein trans Mann, der sich zu Männern hingezogen fühlt, können sich alle queer nennen.

„Wer queer sagt, weiß nicht, was er ist.“ Viele, die queer verwenden, kennen sich gut. Sie finden das Wort einfach genauer oder angenehmer als engere Optionen.

„Queer ist immer beleidigend.“ Es kann beleidigend sein, je nach Ton, sprechender Person und Geschichte. Es ist aber auch der Name von Universitätsinstituten, Festivals, Büchern und Community-Gruppen. Der Zusammenhang entscheidet.

„Queer heißt, dass man andere Bezeichnungen ablehnt.“ Manche verwenden mehrere zugleich, etwa „queer und bisexuell“ oder „queere trans Frau“. Ein Wort kann die Community beschreiben, ein anderes die Einzelheiten.

Eine kurze Checkliste für Alltagsgespräche

  • Verwende die Wörter, die Menschen für sich selbst benutzen.
  • Betrachte queer in Räumen, die sich so nennen, als willkommen.
  • Wähle LGBTQ+ oder einen konkreten Begriff, wenn du unsicher bist.
  • Benutze queer nie im Sinne von komisch, schlecht oder lächerlich.
  • Bezeichne niemanden als queer, der das Wort nicht selbst verwendet hat.
  • Wenn jemand sagt, dass das Wort wehtut, passe dich ohne Diskussion an.

Queer begann als Wort, das Menschen ausschließen sollte. Mit der Zeit haben die Ausgeschlossenen daraus ein Wort gemacht, das eine Tür öffnet: zu Zugehörigkeit, zum Erkunden und zu einer weiteren Vorstellung davon, wie ein Leben aussehen kann. Diese Geschichte zu respektieren heißt, jede Person selbst entscheiden zu lassen, ob sie durch diese Tür gehen möchte.

Quellen

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